Ob am Arbeitsplatz oder im Alltag, manchmal kommt es zu Meinungsverschiedenheiten. Und das ist auch nicht zwangsläufig schlimm, denn sachliche Kritik anderer kann hilfreich dafür sein, sich persönlich weiterzuentwickeln. Doch leider kommt es vor, beispielsweise im Arbeitsleben, dass man uns persönlich statt sachbezogen kritisiert. Woran erkennst du, dass es sich um einen sogenannten Ad hominem Angriff handelt?

Argumentum ad hominem: Was genau ist das?

Manchmal reichen schon zwei unterschiedliche Meinungen zu einem Vorgang, zum Beispiel bei der Aufgabenverteilung, um sich in einer Diskussion wiederzufinden. Geht dabei jemand auf Privatleben, Aussehen oder persönlichen Hintergrund ein, anstatt beim Ausgangsthema zu bleiben, spricht man von einem Ad hominem Angriff.

Der Begriff bedeutet wörtlich aus dem Lateinischen „zum Menschen“. Es ist die Kurzbezeichnung für „argumentum ad hominem“, was sinngemäß als „Beweisführung gegen den Menschen“ übersetzt wird. Kurzum, der Diskussionspartner bezieht sich auf Persönliches und lenkt dadurch vom eigentlichen Sachverhalt ab. Diese mal mehr und mal weniger offensichtlichen Täuschungsmanöver können sowohl polemisch oder überspitzt, als auch sachlich gefärbt sein, wie die folgenden Beispiele demonstrieren.

Ziel eines Ad hominem Angriffs

Zwar klingt das schroffe „du hast davon zu wenig Ahnung“ sicherlich härter als ein höfliches „du bist dafür noch zu unerfahren“, doch in beiden Fällen handelt es sich um Ad hominem Argumente. Durch den Themenwechsel befindest du dich urplötzlich in einer Verteidigungsposition. Gehst du auf eine solche Behauptung ein, entsteht ein neue Debatte, die vom Ausgangspunkt ablenkt. Allerdings erfüllt der Ad hominem Angriff dadurch seinen taktischen Zweck. Denn es ist ein naheliegender Reflex, sich dagegen zu wehren, wenn die eigene Authentizität, Kompetenz oder Reputation unmittelbar in Frage gestellt wird.

Bei einer Diskussion mit mehreren Beteiligten (oder vor Publikum) bezwecken Ad hominem Argumente vor allem, die angegriffene Person vor anderen Personen in ihrer Glaubwürdigkeit zu schwächen. Das kann übrigens auch asynchron passieren, also zeitversetzt und ortsunabhängig, zum Beispiel in den sozialen Medien.

Wissenschaftliche Einordnung von Ad hominem Argumenten

In der Rhetorik ist ein Ad hominem Angriff klassifiziert als Scheinargument, ein sogenannter „Red Herring“, was wörtlich übersetzt „Bückling“ bedeutet. Sinngemäß drückt die Redewendung jedoch ein Ablenkungsmanöver, eine falsche Fährte oder Finte aus. Gemeint ist damit ein Argument, das statt dem Ausgangspunkt ein anderes, nicht damit zusammenhängendes Thema anspricht. Der Begriff geht zurück auf Edward Damer, einen US-Amerikanischen Philosophieprofessor. Laut Damer werden jene Scheinargumente allerdings nicht immer bewusst eingesetzt, häufig sei den Angreifenden nicht klar, dass sie am Thema vorbei argumentieren.

Maßgeblich zur wissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich trug außerdem Douglas Neil Walton bei, ein Kanadischer Professor für Argumentationstheorie. Sein 1998 erstmals erschienenes Buch „Ad hominem arguments (Studies in rhetoric and communication)“ gilt heute als Standardlektüre zum Thema. Es enthält neben anerkannten Definitionen auch verschiedene Typen der Ad hominem Angriffe.

Beispiele für Arten von Ad hominem

Laut Douglas Walton ist zwischen fünf Sub-Typen zu unterscheiden. Im Folgenden werden jene Typen kompakt und mit Beispielen einzeln vorgestellt.

1. Direkt („abusive“)

Das direkte (oder auch missbräuchliche) Ad hominem greift eine Person direkt an, um ihre getroffenen Aussagen gezielt zu entkräften. Dies geschieht zum Beispiel bei folgender Behauptung: „Sie hat sowieso keine Ahnung von dem Thema, also können wir ihre Meinung dazu ignorieren.“

2. Performativ („circumstantial“)

Dieser Typ ist dem vorherigen sehr ähnlich. Der wichtige Unterschied lautet, durch den Ad hominem Angriff eine performative Widersprüchlichkeit beim Gegenüber aufzuzeigen. Ein geeignetes Beispiel hierfür wäre der Vorwurf: „Er behauptet, ihm sei die Umwelt wichtig, fährt aber jeden Tag Auto“. Damit ist die angegriffene Person quasi gezwungen, sich für den vermeintlichen Widerspruch mit eigenen Argumenten rechtfertigen zu müssen.

3. Befangenheit („bias“)

Hierbei wird jemandem unterstellt, er oder sie sei in der Diskussion voreingenommen und damit nicht neutral. Ein Satz wie beispielsweise „du sagst das nur, um am Ende selbst zu profitieren“ wäre ein klassisches Beispiel für den Vorwurf der Befangenheit.

4. Totschlagargument („poisoning the well“)

Eine andere, historisch jedoch vorbelastete Bezeichnung für den vierten Sub-Typ lautet „Brunnenvergiftung“. Nach Walton ist damit eine noch strengere Auslegung der Befangenheit gemeint, bei der unterstellt wird, die andere Person könne sich nicht neutral der Diskussion beteiligen, weil sie generell eigene Interessen verfolgt. Ein Paradebeispiel dafür sind Sätze, die mit „Klar, an deiner Stelle wäre ich auch dafür, weil …“ beginnen.

5. „Du auch!“ („Tu quoque“)

Hierbei wird dem Gegenüber quasi das Wort im Munde verdreht. Ein vorgebrachtes Argument soll im Keim erstickt werden. Der Unterschied zum performativen Ad hominem liegt darin, dass der anderen Person eine Aussage zugestanden wird, allerdings mit dem Ziel, den Sprecher oder die Sprecherin für jene Behauptung zu kritisieren. Ein Beispiel: „Okay, ich bin heute zu spät, aber dafür waren Sie letzte Woche doch auch mehrmals unpünktlich.“

Gegenstrategien:

Auf Ad hominem Angriffe souverän reagieren

Die wichtigste Frage zu dieser Thematik ist die nach dem richtigen Umgang, wenn du von jemandem Ad hominem angegriffen wirst. Sehr wichtig ist, in einer solchen Situation Ruhe zu bewahren und das Gesagte möglichst nicht an sich heranzulassen. Wer sich schnell provozieren lässt, wird häufig schnell als Aggressor wahrgenommen, obwohl man selbst stets sachlich geblieben ist. Der Angreifende kommt dagegen ebenso schnell aus dem Konzept, wenn man die persönlichen Argumente souverän überhört, die innere Ruhe beibehält und einfach weiter sachbezogen diskutiert.

Solltest du bemerken, dass du wütend wirst, helfen manchmal ganz einfache Maßnahmen wie tiefes Einatmen, kurz an die Frische Luft zu gehen oder innerliche Entspannungsübungen schon enorm, auch in angespannten Situationen. Hilfreich ist auch, auf das Ausgangsthema hinzuweisen und zu erklären, dass der Ad hominem Angriff kein sachliches Argument in diesem Zusammenhang ist. Stelle klar, dass deine persönlichen Grenzen zu respektieren sind.

Nur im Ausnahmefall solltest das unsachliche Argument direkt kontern, meistens ist der Diskussion damit jedoch nicht geholfen. Eher solltest du versuchen, die Situation zu entschärfen und nicht eskalieren zu lassen. Gegebenenfalls kann dem Diskussionspartner auch erklärt werden, was ein Ad hominem Angriff ist und warum man diese nicht benutzen sollte. Manchmal reicht auch ein verständnisvolles Gespräch, um zukünftige Streitsituationen zu vermeiden.

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